Pfälzischer Merkur vom 13.12.2016

Die Silversurfer erobern das Internet

Viele Organisationen bieten Senioren, die sich in der Online-Welt umsehen möchten, ihre Hilfe an

Von Katja Sponholz

Die Generation 60plus holt auf. Während der Onliner-Anteil bei jungen Menschen kaum noch gesteigert werden kann, gibt es bei den über 70-Jährigen Wachstum. Hier stieg die Internetnutzung im Jahr 2016 um 1,5 Punkte auf knapp 30 Prozent. Doch bevor die Neu-Onliner unbeschwert surfen können, müssen sie oft so manche digitale Klippe überwinden.
Irgendwann hatte Andreas Dautermann (36) die Nase voll. Da hatte er einfach keine Lust mehr, seinen Eltern und Großeltern zum x-ten Mal zu erklären, wie sich der Computer neu starten lässt, wie man eine E-Mail sendet und wie sich ein Foto verschicken lässt. „Ich war Ansprechpartner für alles. Das nervte“, gibt er rückblickend zu. Doch beim Gespräch mit Gleichaltrigen und im Publizistik-Studium in Mainz merkte er: Er stand damit nicht alleine da. „Es ist nun mal so, dass es „digital natives“ und „digital immigrants“ gibt, das heißt: Die, die in das digitale Zeitalter geboren wurden wie wir, und die, die als digitale Einwanderer gelten wie unsere Eltern und Großeltern.“

Als Dautermann im Laufe des Studiums bewusst wurde, dass dies ein gesellschaftliches Phänomen und die Zielgruppe „riesig“ sei, machte er aus der Not eine Tugend. So gründete er gemeinsam mit seinem Kommilitonen Kristoffer Braun (34) „Levato“: Ein Internet-Unternehmen, das sich auf Filme und Artikel speziell für Ältere rund um das Thema Computer, Handy und Internet spezialisiert hat. „Levato“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet: erleichtern, aufheben, lindern. Für die beiden Gründer, die für ihr Projekt vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Land Rheinland-Pfalz ausgezeichnet wurden, spiegelt dieser Begriff den Kern ihrer Arbeit wieder. „Wir wollen den Umgang mit dem digitalen Alltag erleichtern und Computerfrust lindern“, sagen sie. Mittlerweile haben die beiden Publizisten mehr als 600 Erklär-Videos erstellt, von denen ein Teil kostenfrei im Netz angeschaut werden kann. Und das Interesse bei den Silversurfern ist groß: Pro Tag gibt es mehr als 1000 Nutzer, pro Monat mehr als 100 000 Seitenaufrufe.

Gerade Senioren können vom Umgang mit dem Internet profitieren, meint auch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (Bagso) in Bonn. Unter ihrem Dach haben sich mehr als 100 gemeinnützige Organisationen zusammengeschlossen, die rund 13 Millionen ältere Menschen vertreten. „Unsere Welt wird immer digitaler, und das Internet bietet viele Chancen“, sagt Dr. Barbara Keck, Geschäftsführerin der Bagso Service Gesellschaft. „Richtig genutzt, kann das Internet unser Leben sehr bereichern und erleichtern.“ Wer zum Beispiel ungern einkaufen gehe, könne vieles bequem online bestellen. „Und auch im Winter bei Eis und Schnee ist es sehr angenehm, wenn Überweisungen von zu Hause erfolgen.“

Viele nutzten auch das Internet, um sich über eine Erkrankung zu informieren und Gesundheitstipps zu finden. Und nicht zuletzt tauschten zahlreiche Familien und Freunde gegenseitig Bilder und Erlebnisse aus.

Die Bagso möchte ältere Menschen dazu animieren, das weltweite Netz zu nutzen: Sie hat für sie die Broschüre „Wegweiser durch die digitale Welt“ herausgegeben, die viele Chancen und Möglichkeiten aufzeigt und auch Tipps für den Einstieg und zum Thema „Sicher im Netz“ enthält (zu bestellen unter WWW.BAGSO.DE, per E-Mail anpublikationen@bundesregierung.de ).

Denn gerade der Einstieg, so Barbara Keck, sei für viele Senioren die größte Hürde: Da gehe es nicht nur darum, welches Gerät man nehmen soll oder welcher Tarif der richtige ist, sondern auch, dass die Informationen im Internet sehr vielfältig seien. „Daher ist es für den Einstieg sinnvoll, solche Quellen zu nutzen, die eindeutig zuverlässig sind oder mit denen andere schon gute Erfahrungen gemacht haben.“

Einen Überblick über Angebote und Hilfestellungen zur Stärkung der Online-Kompetenz älterer Menschen gibt auch die Seite „Verbraucher sicher online“, ein Projekt, das an der Technischen Universität Berlin angesiedelt ist. Sein Ziel ist es, Verbraucher über die sichere Internetnutzung und den Umgang mit Computern zu informieren.

Um den Umgang mit dem Internet zu erleichtern, können auch Apps genutzt werden. Die Anwendung App60 beispielsweise trifft eine Vorauswahl von nützlichen Apps und zeigt Angebote unter anderem aus den Bereichen Senioren, Reisen und Freizeit. Die kostenlose App Lupe kann eine kleine Schrift vergrößern. Das kann ein hilfreiches Werkzeug bei Smartphones oder Tablets sein.

Die Kampagne „Onlinerland Saar“ richtet sich vor allem an jene Menschen, die mit dem Internet bislang wenig zu tun hatten. Dahinter stehen das MedienNetzwerk SaarLorLux, die Landesmedienanstalt und über 300 Projektpartner. Im Kurs „Kaffee – Kuchen – Tablet“ sind zum Beispiel all jene willkommen, die weder wissen, was WLAN bedeutet, noch eine Ahnung haben, was man unter einer App versteht oder was es mit dem „Wischen“ auf sich hat. Kursleiter Wolf-Dieter Scheid von der Landesarbeitsgemeinschaft für Evangelischen Erwachsenenbildung im Saarland ist überzeugt, dass die Unwissenheit schnell in Neugier und Freude mündet und viele Senioren durch dieses Angebot das Internet künftig vermehrt nutzen werden. „Das Besondere ist, dass die Teilnehmer in solch einem Kurs eine neue Welt entdecken“, sagt Kursleiter Scheid.

„Immer wieder spürt man, dass sie am Anfang noch Vorbehalte haben, weil sie meinen, dass der persönliche Austausch wichtiger sei. Aber dann stellen sie fest, dass mit solch einem Tablet einfach nur eine andere Form der Kommunikation möglich ist. Dass es nur ein weiterer Raum ist, der Begegnungen eröffnet.“ Und dass das Internet und ein solcher mobiler Computer einen besonderen Reiz auslösen – ganz unabhängig vom Alter: „Hier entdeckt man einfach Dinge“, so Scheid, „von denen man im Vorfeld nicht wusste, dass sie einen interessieren.“

 

 

Quelle:
Pfälzischer Merkur vom 13.12.2016